
Wir sind immer noch in den Westfjorden, in der Nähe von Isafjörður, in diesem kleinen Hotel, an das ich mich viereinhalb Jahre später kaum noch erinnere. Nicht fünf. Viereinhalb. Ich rechne das jedes Mal kurz nach.


Wir fahren sehr, sehr, sehr lange Richtung Látrabjarg. Auf der Karte sieht das alles gar nicht so weit aus. Aber diese Westfjorde – ich finde ja immer, das sieht aus wie Hasenohren – sind voller Einschnitte und Buchten. Die Straßen folgen der Küstenlinie, und die ist hier einfach absurd lang. Ich habe irgendwann mal gelesen, dass die Küstenlinie der Westfjorde ungefähr ein Drittel der gesamten isländischen Küstenlinie ausmacht. Ob das exakt stimmt, weiß ich nicht, aber es fühlt sich auf jeden Fall so an. Man fährt und fährt und fährt und kommt gefühlt doch nicht wirklich voran.
Es ist Scheißwetter. Ehrlich. Eigentlich wären das genau die Strecken, wo man ständig anhalten, ein Stück in die Landschaft laufen, irgendwo an einer Kante stehen und einfach nur gucken würde. Aber bei dem Regen sparen wir uns das. Ich fotografiere noch einen hübschen Wasserfall von oben – das geht ja auch im Regen – und dann sitzen wir wieder im Auto.


Vorgestern haben wir uns in Isafjörður an einem Stand eine blaue Badeente gekauft. Die sitzt seitdem vorne auf dem Armaturenbrett. Während draußen nichts zu sehen ist außer Regen, guckt sie stoisch nach oben, als würde sie denken: Ich würde jetzt eigentlich gern schwimmen gehen.
Unser Hotel bei Látrabjarg erreichen wir irgendwann. Von dort sind es bis zum berühmten Vogelfelsen noch einmal eine gute Stunde bis anderthalb – durch genau dieses Wetter. Kilometermäßig ist es nicht weit, aber die Straßen sind in einem Zustand, der sehr langsames Fahren erzwingt. Nach diesem Urlaub konnte ich es wirklich nicht mehr haben, auf dem Beifahrersitz durchgerüttelt zu werden. Die Ringstraße war 2021 zwar komplett asphaltiert, aber viele Nebenstrecken eben nicht. Und wenn man sich vorstellt, was hier im Winter an Frost, Eis, Tauwetter und wieder Frost passiert, wundert einen der Zustand der Straßen nicht wirklich.
Im Hotel wird uns ein Restaurant empfohlen, nicht allzu weit entfernt. Also fahren wir hin, essen zu Abend, und ich trinke ein Bier namens „Djúpið“ – was so viel wie „Tiefe“ heißt und aus Isafjörður kommt. Ein rotes Ale mit Seetang. Kann man mal probieren. Muss man nicht regelmäßig haben. Ich fand es eher gewöhnungsbedürftig.

Trotz des Wetters fahren wir später noch hoch zu den Klippen von Látrabjarg. Und tatsächlich schaffe ich es, mit dem Handy ein halbwegs brauchbares Puffin-Foto zu machen. Mehr ist bei dem Licht einfach nicht drin. Frank trägt seinen Südwester. Es ist wirklich nass.
Oben kommen wir mit zwei jungen Männern ins Gespräch, die asiatisch aussehen. Einer von beiden trägt FC-Bayern-Handschuhe. Das fällt natürlich auf. Ich spreche sie darauf an – warum ausgerechnet FC Bayern? Sie erzählen, dass sie heute in den USA leben, aber als Kinder einige Jahre in Deutschland verbracht haben. Ihre Eltern waren als Boat People gekommen. Später sind sie in die USA weitergezogen. Sie sprechen noch ein bisschen Deutsch, verstehen es sogar ziemlich gut. Irgendwie ist das einer dieser unerwarteten Island-Momente: Man steht im Regen am Rand Europas und unterhält sich auf Deutsch mit zwei Männern aus den USA mit vietnamesischer Geschichte über einen Münchner Fußballverein.




Nach einer Weile setzen wir uns wieder ins Auto und fahren zurück. Es regnet immer noch. Und selbst die Schafe am Hotel stellen sich unter.
Und das will was heißen.
